Postkarte: Acht Dinge, die wir auf der SAP-Sapphire-Konferenz in Orlando, Florida, gelernt haben

Im Mai 2026 veranstaltete SAP die jährliche Sapphire-Konferenz in Orlando, Florida. Die Eckdaten der Konferenz sind beeindruckend: 18.000 Teilnehmer, darunter SAP-Kunden, Branchenexperten und SAP-Partner wie Google Cloud, Amazon AWS, Blackline und Microsoft trafen sich über drei Tage im zweitgrößten Kongresszentrum Nordamerikas.

SAP-CEO Christian Klein bei der SAP Sapphire Konferenz. KI-Modellen fehlt häufig der “business context” den SAP liefern kann. Quelle: ProfitlichSchmidlin AG.

Auf der Konferenz des Walldorfer Softwarekonzerns drehte sich in diesem Jahr alles um ein Thema: Künstliche Intelligenz. SAP stellte unter dem Leitbild des „Autonomen Unternehmens“ eine Reihe neuer Produkte und Partnerschaften vor, darunter die SAP Business AI-Plattform, die Autonomous Suite und Joule Studio. Die Konferenz bot eine hervorragende Gelegenheit, mit SAP sowie deren Kunden und Partnern zu sprechen. Angesichts der aktuellen Kursentwicklung im Bereich Unternehmens-Software kann es lohnend sein, sich mit diesem Sektor näher zu beschäftigen.

Aktienkurse von SAP und einigen Wettbewerbern im Bereich Unternehmens-Software. Zeitraum 30.04.2025 bis 21.05.2026. Quelle: Bloomberg, ProfitlichSchmidlin AG.

Das Gehirn eines Unternehmens

Der Name SAP steht für Systeme, Anwendungen und Produkte in der Datenverarbeitung. Das 1972 gegründete Unternehmen ist älter als Microsoft und fast alle anderen modernen Technologie- und Softwarekonzerne. Dennoch ist SAP heute für viele Kunden relevanter denn je. Das Unternehmen vertreibt sogenannte ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning). Mit diesen Produkten lassen sich beispielsweise Produktions-, Einkaufs-, Beschaffungs- und Logistikprozesse planen, steuern und kontrollieren. Angesichts dieses Leistungsspektrums wird die Software nicht selten als das Gehirn eines Unternehmens bezeichnet. Kaum ein anderes Softwareprodukt wird seltener von Unternehmen gewechselt. Es ist nicht unüblich, dass die Implementierung einer solchen Lösung bei multinationalen Unternehmen viele Jahre in Anspruch nimmt und neunstellige Beträge kostet. SAP liefert eine besonders umfangreiche ERP-Suite, die sich an weltweit agierende Großkonzerne richtet: 91 % der im Fortune Global 500 gelisteten Unternehmen nutzen SAP.

1. SAP verfügt aufgrund seines hohen Marktanteils über Distributionsmacht

Die Größe der SAP-Sapphire-Konferenz und die Anzahl und Tiefe der Partnerschaften von SAP belegen: Um SAP hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Ökosystem aus Beratern, Systemintegratoren, Value-Added Resellern und Softwarepartnern gebildet, das die Unternehmensgröße von SAP bei Weitem übertrifft. Kleinere Softwareunternehmen nutzen nicht selten die globalen Kundenbeziehungen und die Vertriebsstärke von SAP, um die eigenen Produkte zu vertreiben – und dafür lässt sich SAP bezahlen. So erwirtschaftet der börsennotierte Anbieter von Spezial-Softwarelösungen für die Erstellung von Finanzabschlüssen, Blackline, beispielsweise über ein Viertel seines Geschäfts mit der Kooperation mit SAP. Dass auch das besonders wachstumsstarke, junge Softwareunternehmen Databricks kürzlich eine Kooperation mit SAP verkündete, belegt diesen Umstand eindrucksvoll. Databricks wird von Venture-Capital-Investoren derzeit mit 134 Mrd. USD bewertet und damit nur unwesentlich niedriger als SAP selbst. Die Distributionsmacht von SAP ermöglicht es dem Unternehmen am Erfolg kleinerer Anbieter von Speziallösungen mitzuverdienen. Eben diese Distributionsmacht sollte es dem Unternehmen auch ermöglichen, Partnerschaften mit Anbietern von KI-Lösungen abzuschließen und so an deren Erfolg teilzuhaben.

2. Alle Unternehmen wollen künstliche Intelligenz – aber bitte compliant

In jedem einzelnen Vortrag oder Gespräch auf der Konferenz ging es, zumindest teilweise auch, um künstliche Intelligenz, denn es gibt schlicht kein anderes Thema. Die Nachfrage von Unternehmensseite ist gewaltig. Die Begeisterung wird jedoch von einer wichtigen Einschränkung begleitet: Große Unternehmen zögern bei der Implementierung, da KI in einer Unternehmensumgebung bestimmten Anforderungen hinsichtlich Regulierung, Compliance und Datenschutz genügen muss. Ein Mitarbeiter des SAP-Großkunden Nestlé dazu:

“Agents have to be controlled”

SAP positioniert sich genau in dieser Lücke. Die SAP-Agents sind auditierbar und setzen verschiedene lokale und internationale Regulierungen um. Dafür investiert SAP nach eigenen Angaben jährlich rund 600 Mio. EUR  allein in Governance, Zertifizierung und die Umsetzung lokaler Regulierung in allen Märkten weltweit. Kaum ein anderes Softwareunternehmen kann dies global in diesem Umfang anbieten. An der Erfüllung dieser Anforderungen führt in der Regel kein Weg vorbei.

3. LLM ist eine Commodity – der Kontext entscheidet

Eine der deutlichsten Botschaften der Konferenz war, dass es für den Unternehmenseinsatz im Grunde unerheblich ist, von welchem Anbieter das zugrunde liegende Sprachmodell stammt – sei es von OpenAI, Anthropic, Google oder einem anderen Anbieter. SAP setzt bewusst auf eine offene LLM-Architektur. Die neue SAP-Entwicklungsumgebung für Agenten namens Joule Studio erlaubt den Einsatz beliebiger Modelle und der Wechsel zwischen diesen ist nach Aussage des Vorstands trivial. SAPs Entwicklungschef Muhammad Alam formulierte es wie folgt:

“We partner with things in the AI landscape that we believe will be commoditized: LLMs – we bring the best LLMs to our agentic platform.”

4. KI beschleunigt die Cloud-Migration

Wenn KI nur so gut ist wie die zugrunde liegenden Daten, dann müssen Unternehmen ihre IT-Infrastruktur modernisieren. In der SAP-Welt bedeutet das, dass Unternehmen sie in die neue, moderne Cloud-Umgebung S/4 HANA migrieren müssen. KI macht diese Migration nicht nur notwendiger, sondern auch günstiger und schneller. CEO Christian Klein berichtete, dass KI-Agenten die Migrationskosten um bis zu 35 % senken und die Geschwindigkeit um bis zu 50 % steigern können. Diese Angaben konnten wir in diversen Expertengesprächen validieren. Eine Beschleunigung der Cloud-Migration sollte das Wachstum und die Profitabilität von SAP steigern.

5. SAPs Monopol auf Prozesswissen – das „Right to Win“

Der vielleicht wichtigste strategische Punkt der Konferenz: SAP verfügt als einziger Anbieter über das vollständige Prozesswissen seiner Kunden in strukturierter Form. SAP verfügt über 50 Jahre Erfahrung in der Implementierung von geschäftskritischen Prozessen in 26 verschiedenen Branchen und bietet dazu passende Softwarelösungen an. In Kombination mit den individuellen Kundendaten erreicht der SAP-eigene Agent Joule in Verbindung mit Claude eine Fehlerquote von 0 %, während Claude ohne die SAP-Daten eine Fehlerquote von 60 % erzielte.

SAP komplementiert die KI-Modelle mit “Kontext”. Dies erhöht die Effizienz und Genauigkeit der LLMs. Quelle: SAP SE.

Auch wenn diese Zahlen von außen schwierig zu validieren sind scheint es naheliegend, dass die unternehmensspezifischen SAP-Daten die Resultate der KI-Modelle verbessern. Oder wie es der Vorstand zusammenfasste:

“We beat each model every time due to the context we add.”

Für Investoren von SAP ist die wichtigste Frage: Können sich Anbieter von LLMs dieses Unternehmenswissen mit der Zeit aneignen oder sind die Sprachmodelle auf SAP angewiesen? Bis auf weiteres liegt der Vorteil bei SAP. Die Walldorfer sind oft der größte Softwarepartner ihrer Kunden. Dies stellt eine hervorragende Ausgangsposition dar, um effiziente Agenten für die Kunden anzubieten.

6. Joule Studio demokratisiert die Erstellung von Agenten

Bemerkenswert war die Demonstration von Joule Studio: Damit können Mitarbeiter eigene KI-Agenten auf Basis der vollständigen Unternehmensdaten selbst entwickeln. SAP stellt dieses Tool kostenlos zur Verfügung, da so die Nutzung der SAP-Plattform und letztlich den Konsum der SAP-Software steigt. Joule Studio könnte sich zu einem wichtigen Produkt entwickeln, denn die Entwicklung von Agenten muss zunehmend dezentral erfolgen, da niemand in einer Organisation zentral wissen kann, welcher Mitarbeiter welchen Agenten benötigt. Diese Form der Entwicklung von Agenten muss kontrolliert werden, und genau dies kann die SAP-Entwicklungsumgebung leisten.

7. Consumption-based Pricing: alter Wein in neuen Schläuchen

Ein Thema, das im Vorfeld der Konferenz für Verunsicherung unter den Investoren sorgte, ist die Umstellung auf nutzungsbasierte Preismodelle. Bereits heute sind mehr als zwei Drittel der Cloud-Umsätze von SAP nicht sitzplatzbasiert. Bis 2030 sollen 30 % der Cloud-Umsätze auf nutzungsbasierte Modelle entfallen. Wenn man die Ankündigungen anderer großer Softwareunternehme und Wettbewerbern von SAP der letzten Monate verfolgt hat, etwa von Microsoft, Salesforce oder Workday, dann scheint die Umstellung auf nutzungsbasierte Modelle inzwischen Konsens zu sein. SAP ist in diesem Bereich bereits weiter fortgeschritten als die meisten Wettbewerber.

8. Aktienrückkauf von 10 Mrd. EUR sendet ein starkes Signal

Finanzvorstand Dominik Asam überzeugte durch seine nüchterne und zurückhaltende Art. SAP hat offensichtlich eine klare Meinung zur Bewertung des eigenen Unternehmens: Asam rechnete vor, dass die gegenwärtige Unternehmensbewertung dauerhaft schrumpfende Ergebnisse von SAP impliziert – und das bereits in wenigen Jahren.

Auf diese niedrige Bewertung reagiert SAP konsequent und führt derzeit einen Aktienrückkauf in Höhe von 10 Mrd. € für die Jahre 2026 und 2027 durch. In den wenigen Wochen bis Anfang Mai wurde bereits ein Viertel dieses Programms umgesetzt. Damit unterscheidet sich SAP deutlich von vielen anderen Technologiekonzernen, denn bei Unternehmen wie Microsoft, Amazon und Alphabet wird inzwischen so viel in physische Infrastruktur in Form von Datenzentren investiert, dass diese Unternehmen über kaum noch nennenswerte Barmittelüberschüsse nach Sachinvestitionen verfügen, um Dividenden zu zahlen oder Aktien zurückzukaufen. Das macht die Unternehmensbewertung von SAP umso ungewöhnlicher: Der Gewinn-Multiplikator des Unternehmens ist nicht nur günstiger als bei den Wettbewerbern (auf Basis von 2026: 19x gegenüber ~25-27x), bei SAP lässt sich der Gewinn auch in hohe, ausschüttbare freie Zahlungsströme übersetzen.

Mehr Optionalität als vom Markt eingepreist?

Die Eindrücke einer solchen Konferenz muss man mit Vorsicht genießen – in Orlando waren naturgemäß überwiegend „Fans“ von SAP versammelt, ein gewisser Bias ist unvermeidbar. Dennoch sind wir optimistisch von der Veranstaltung heimgekehrt. Für uns erscheint es denkbar, dass die Marktposition von SAP durch KI nicht schlechter, sondern besser werden könnte. SAP ist der einzige Anbieter, der bereits heute KI-Agenten aufbauend auf dem individuellen Prozesswissen von Unternehmen anbieten kann, welche auch die besonders hohen Anforderungen an Compliance und Regulierung von Unternehmenskunden erfüllen. Daneben erscheint es naheliegend, dass große Anbieter von Unternehmens-Software, dazu zählen neben SAP insbesondere Microsoft, aufgrund ihres umfangreichen Wissens über die Endkunden in einer guten Position sind, passende Agentenlösungen zu entwickeln und diese über die existierenden Kundenbeziehungen und Vertriebskanäle auszurollen. Den noch jungen Entwicklern der LLM-Modelle, wie etwa OpenAI oder Anthropic, dürfte der Vertrieb an Unternehmen wesentlich schwerer fallen. Das könnte sie vermehrt dazu zwingen, Partnerschaften einzugehen. Unabhängig davon, ob die Kunden letztlich SAP-eigene Agenten einsetzen oder über SAP-Schnittstellen auf das Prozesswissen fremde Agenten zugreifen: In beiden Szenarien könnte SAP durch das Geschäft mit künstlicher Intelligenz zusätzliche Umsatzpotenziale erschließen. Aktuell wird SAP – wie im Grunde alle Softwareanbieter – am Kapitalmarkt als ein von künstlicher Intelligenz bedrohtes Unternehmen angesehen. Doch das Gegenteil könnte der Fall sein.